Einleitung
Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, wie Kinder am besten lesen und schreiben lernen.
Während früher häufig ganzheitliche Ansätze („Lesen durch Lesen“, Ganzwortmethoden oder das Lernen über Bilder und Kontext) im Vordergrund standen, zeigt die aktuelle internationale Forschung inzwischen sehr deutlich, welche Faktoren den größten Einfluss auf den erfolgreichen Schriftspracherwerb haben.
Die wissenschaftliche Evidenz spricht heute eindeutig für eine systematische, explizite Laut-Buchstaben-Vermittlung (systematische Phonics-Methode) als Grundlage des Lesen- und Schreibenlernens.
Zahlreiche internationale Studien konnten zeigen, dass Kinder deutlich erfolgreicher lesen und schreiben lernen, wenn sie die Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben gezielt und strukturiert vermittelt bekommen.
Warum Lesenlernen eigentlich ein Wunder ist
Das menschliche Gehirn wurde evolutionär nicht für das Lesen entwickelt.
Sprechen lernen Kinder nahezu automatisch.
Lesen hingegen ist eine kulturelle Fähigkeit, die das Gehirn erst mühsam aufbauen muss.
Beim Lesenlernen müssen Kinder verstehen:
- Jeder Laut hat eine Bedeutung.
- Laute können zerlegt und zusammengesetzt werden.
- Buchstaben stehen für bestimmte Laute.
- Buchstabenfolgen ergeben Wörter.
- Wörter ergeben Sätze.
- Sätze transportieren Bedeutung.
Dieser komplexe Prozess gelingt besonders gut, wenn Kinder die Verbindung zwischen Lauten und Buchstaben systematisch aufbauen.
Was die Forschung eindeutig zeigt
Die wohl bekannteste wissenschaftliche Untersuchung ist die Meta-Analyse des National Reading Panel, in der zahlreiche Studien ausgewertet wurden.
Die Ergebnisse zeigen:
- Kinder lesen erfolgreicher, wenn Laut-Buchstaben-Beziehungen systematisch unterrichtet werden.
- Die Lesegenauigkeit steigt.
- Die Leseflüssigkeit verbessert sich.
- Das Leseverständnis nimmt zu.
- Rechtschreibleistungen entwickeln sich günstiger.
- Besonders Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten profitieren deutlich.
Auch neuere internationale Arbeiten zur sogenannten „Science of Reading“ bestätigen diese Ergebnisse.
Lesenlernen gelingt am besten, wenn phonologische Bewusstheit, Laut-Buchstaben-Zuordnung, Worterkennung, Wortschatz und Sprachverständnis gemeinsam aufgebaut werden.
Warum das Lautieren so wichtig ist
Viele Erwachsene benennen Buchstaben mit ihrem Namen:
- „em“
- „en“
- „be“
- „te“
Für Leseanfänger ist dies häufig verwirrend.
Nimmt ein Kind das Wort „Mama“, ergibt sich:
m – a – m – a
Wird der Buchstabe als „em“ ausgesprochen, hört das Kind:
„em-a-em-a“
Das erschwert die Verschleifung erheblich.
Wird dagegen lautiert:
/m/ – /a/ – /m/ – /a/
entsteht unmittelbar:
Mama
Deshalb empfehlen viele moderne Lesedidaktiker, insbesondere zu Beginn die Lautebene konsequent zu nutzen.
Die Rolle der phonologischen Bewusstheit
Noch bevor Kinder lesen lernen, sollten sie erkennen können:
- Reime
- Silben
- Anlaute
- Endlaute
- einzelne Laute in Wörtern
Kinder, die hören können, dass „Ball“ mit /b/ beginnt oder „Sonne“ aus mehreren Lauten besteht, erwerben Lesen und Schreiben meist leichter.
Diese Fähigkeit wird als phonologische Bewusstheit bezeichnet und gilt als einer der stärksten Vorhersagefaktoren für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb.
Die moderne Lehrkraft als Lernbegleiter
Die wirksamste Lehrkraft vermittelt heute nicht einfach Buchstaben.
Sie begleitet Kinder beim Aufbau eines inneren Laut-Buchstaben-Systems.
Dazu gehören:
1. Explizite Einführung
Ein neuer Laut wird deutlich vorgestellt.
Beispiel:
„Heute lernen wir den Laut /m/.“
Nicht:
„Heute lernen wir das M.“
2. Hören
Kinder hören:
- Wo kommt /m/ vor?
- Am Anfang?
- In der Mitte?
- Am Ende?
3. Sprechen
Der Laut wird bewusst gebildet:
- Lippen schließen
- Stimme einschalten
- verlängertes „mmmm“
4. Schreiben
Der Buchstabe wird:
- nachgespurt
- gelegt
- geschrieben
- ertastet
5. Lesen
Bereits bekannte Laute werden kombiniert:
m + a = ma
ma + ma = Mama
Multisensorisches Lernen
Besonders erfolgreich ist ein Unterricht, der mehrere Sinneskanäle gleichzeitig nutzt.
Kinder:
- hören den Laut,
- sprechen ihn,
- sehen den Buchstaben,
- schreiben ihn,
- bewegen ihn,
- legen ihn.
Je mehr Sinneskanäle beteiligt sind, desto stabiler werden die neuronalen Verbindungen.
Die Bedeutung von Leseflüssigkeit
Viele Kinder können Wörter zwar entschlüsseln, lesen aber langsam.
Deshalb sollte Leseförderung immer auch umfassen:
- Lautleseverfahren
- Partnerlesen
- wiederholtes Lesen
- Lesetheater
- Vorleseübungen
Automatisierung entlastet das Arbeitsgedächtnis und schafft Raum für das Textverständnis.
Was Kinder mit LRS besonders brauchen
Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung benötigen:
- noch mehr Struktur,
- häufigere Wiederholungen,
- direkte Lautarbeit,
- kleinschrittige Übungen,
- Erfolgserlebnisse.
Gerade diese Kinder profitieren besonders von einem systematischen Laut-Buchstaben-Unterricht.
Fazit
Die Forschung der letzten Jahrzehnte liefert eine klare Botschaft:
Kinder lernen Lesen und Schreiben am erfolgreichsten durch eine systematische, explizite und strukturierte Laut-Buchstaben-Vermittlung.
Erfolgreicher Anfangsunterricht verbindet:
- phonologische Bewusstheit,
- Lautieren,
- systematische Phonics,
- multisensorisches Lernen,
- Leseflüssigkeit,
- Sprachverständnis.
Die wirksamste Lehrkraft ist dabei nicht diejenige, die möglichst viele Arbeitsblätter verteilt, sondern diejenige, die Kindern hilft, die Welt der Schrift Schritt für Schritt zu entschlüsseln.
Denn Lesenlernen beginnt nicht mit Buchstaben.
Lesenlernen beginnt mit dem Hören von Sprache.
© Wundersam Wirkend – Andrea Berghaus
Integrative Lerntherapeutin | Kinder- und Jugendcoach





